Galeria do Rock: Ein Geekparadies in Downtown São Paulo

Zu einem meiner Lieblingsorte in São Paulo gehört definitiv die „Galeria do Rock“. Das von kleinen, alternativen Läden bewirtschaftete Einkaufszentrum aus den 60er Jahren, ist ein Paradies für jeden Heavy Metal Fan, Sneaker Head oder Comic Nerd. An manchen Samstagen wage ich mich in das alte, chaotische Stadtzentrum und schaue vorbei, in der wahrscheinlich schrägsten Shoppingmall von São Paulo.

Centro

Das lange vernachlässigte „Centro“ gehört eher zu den Problemzonen der Stadt und wird, vor allem nachts, von vielen Paulistanos eher gemieden. Dennoch ist der Stadtteil mit seiner wunderbaren 60er Jahre Architektur, seinem aufregenden Nachtleben und seiner alternativen Szene auch eine der spannendsten Gegenden der Stadt.

Der Bezirk wirkt an manchen Stellen wie ein Manhattan der dreißiger Jahre, mit dem Unterschied das man hier nicht über blanken Beton, sondern über die bekannte „Calçada“ läuft. Anstatt Eichen und Buchen flankieren hier Palmen und gigantische tropische Bäume die Prachtvollen „Avenidas“. Wenn man hier herumspaziert, kriegt man ein Gefühl für die Aufbruchstimmung einer Zeit, in der diese Straßen zu den teuersten des Landes gehörten.

Heute sind diese Straßen bevölkert von Straßenhändlern, Obdachlosen und Mitarbeitern der vielen Läden und Restaurants. Die Fassaden sind zugedeckt mit „Pixo“ und, besonders im Sommer, gärt in den Gassen der Geruch von Urin und Kloake. Militärpolizisten lehnen an Ihren Autos und beobachten, mit gewohnt grimmiger Miene, das chaotische Treiben auf den Gehwegen.

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In einer der alten Einkaufsstraßen hinter dem alten Stadttheater liegt die „Galeria do Rock“. Das Gebäude von dem Architekten Alfredo Mathias wirkt, mit seiner Deckenbeleuchtung und seinen Rot lackierten Geländern, als wäre es einmal ein schickes, modernes Kaufhaus gewesen. Mit seiner offenen, einsehbaren Fassade lädt die Passage die vorbeigehenden Passanten zum Besuch ein, und widerspricht damit dem heutigen Konzept von Abschottung und Security, das man bei den meisten modernen Shoppingmalls findet.

Genau diese modernen, Auto-freundlicheren Malls der Vorstädte haben der kleinen Passage schließlich ihre Besucher genommen und nur wenige Jahre nach der Eröffnung stand sie verlassen vor sich hin. In den Achtzigern entdeckten ein paar Punks das alte Kaufhaus und eröffneten hier einen Laden. Den Punks folgten daraufhin weitere Vertreter von Subkulturen und aus „Centro Comercial Grandes Galerias“ wurde schließlich die „Galeria do Rock.“

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Als ich mich an einem Samstag der Galeria do Rock nähere, herrscht bereits ein reges Treiben und ich sehe alles Mögliche an interessanten Gestalten. Neben dem Eingang sitzt eine Gruppe von stylisch angezogenen Afro Typen, die sich Ihre Haare zu Cornrows flechten lassen. Gegenüber rappt ein junger Typ an einem improvisierten Mikrofon über das Leben in der Favela, während sein Kumpel fleißig das neue Album promotet.

Ich gehe den rampenartigen Eingang hinauf und passiere ein Paar coole Sneaker Läden. Die Auswahl überrascht mich, da viele dieser Modelle in Brasilien sonst nicht im Handel sind. Importierte Modelle kosten hier gerne bis zu 600700 R$, was für die meisten Brasilianer absolut unerschwinglich ist. „Suchst du was Bestimmtes Bruder?“, fragt mich ein tätowierter Typ mit Löchern in den Ohren. Ich winke dankend ab.

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Ich stelle mich auf eine der schlanken Rolltreppen in Richtung Obergeschoss. Die Galerie ist an Wochenende gut besucht und es wimmelt von coolen Kids. Ich sehe Skater, Goths, Gamer, Suicide Girls, Anime Geeks… Paulistanos lieben ihre Subkulturen und alles was normal ist, ist langweilig. Sich tätowieren zu lassen gehört hier fast schon zum guten Ton und es wird gepierct und gefärbt was das Zeug hält.

Die Kids stöbern sich durch die Kleiderständer voll mit Bandshirts. Metallica, Suicidal Tendencies, Black Sabbath, es gibt kaum eine Band, die hier nicht zu finden ist. Die Läden haben Namen wie „3Mundo“ (Dritte Welt), „Hated Store“ oder „Riot“ und sind, auf ihre Weise, fast schon liebevoll eingerichtet.

Eines der coolsten Konzepte, das ich gefunden habe ist definitiv der „Kids“ Skate Shop, angelehnt an den Filmklassiker von Harmony Korine aus den Neunzigern… Wie geil ist das denn? Es gibt Läden mit Vinyl Platten, Comic Figuren, Bongs, Grufti Trachten… Man kriegt hier einfach alles was das Nerd Herz begehrt.

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Ich erreiche das Obergeschoss, in dem dich die bekannten T-Shirt Druckereien befinden. Sollte man also das passende Shirt Motiv nicht gefunden haben, kann man es sich hier einfach machen lassen. Hier werden die Kids kreativ und besticken ihre Caps, bedrucken Shirts oder lassen sich ein Patch auf die Jeans Jacke nähen.

Ich gehe bis ans Ende des Korridors und blicke auf die Kirche am „Largo Paissambu“ und das leerstehende Hochhaus daneben. Einmal mehr frage ich mich, wie es hier in den 60er Jahren ausgesehen haben muss? Was wäre, wenn die Leute nicht in die Vororte gezogen wären… Gäbe es die Galeria do Rock dann überhaupt?

Not macht bekanntlich erfinderisch und Orte wie die „Galeria do Rock“ sind ein schönes Beispiel dafür, was entstehen kann, wenn die Bewohner eines Stadtteils Ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. 

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Alle Infos unter:
http://galeriadorock.com.br/

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