Inhotim – Der magische Garten von Bernardo Paz

Ein brasilianischer Milliardär hat keine Lust mehr auf eine Welt, die gesteuert wird vom schnellen Kapital und ewigen Wachstum. Er setzt sich zur Ruhe und baut sich einen monströsen botanischen Garten für seine Kunstsammlung, mitten in der brasilianischen Pampa. So in etwa könnte man die Entstehungsgeschichte des „Instituts von Inhotim“ beschreiben, einem der wohl atemberaubendsten Kunstparks die ich je gesehen habe.


Bei einem Besuch in Brasilien erzählte mir mein Vater von dem mysteriösen Ort im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. „Hier musst du unbedingt hin!“ schrieb er mir damals per WhatsApp und sendet dazu ein paar Bilder von Kunstwerken inmitten von Palmen und Urwald. Ich war sofort begeistert und wollte den Park mit eigenen Augen sehen.

Wir haben eine kleine „Mineiro“ Community in unserer Agentur und ich habe mit einem Kollegen kurzerhand beschlossen, einen kleinen Road Trip zu starten. Wir haben also in São Paulo ein Auto gemietet und uns auf den Weg gemacht, in Richtung Minas.

Der Park ist ungefähr ein bis zwei Autostunden von der Metropole Belo Horizonte entfernt. Wie der Name „Minas“ schon sagt, ist die Region ein wichtiges Abbaugebiet für Minerale und Gesteine aller Art. Die Straßen sind oft blockiert mit vollbeladenen Lastwagen, die sich in der brütenden Hitze langsam die Hügel hinauf hieven. Die Erde von Minas Gerais ist so eisenhaltig, dass feiner roter Lateritboden die Überlandstraßen überzieht und Flüsse rotbraun färbt.

Mit dem Reichtum dieser Erde hat der Junge Bernardo Paz an der Börse in Belo Horizonte seine ersten Millionen gemacht und ist schnell zu einem der wichtigsten Magnaten des Landes aufgestiegen. Auf der Fahrt lese ich mir ein paar Interviews mit dem weißhaarigen Milliardär durch und versuche zu erfahren was ihn zu seinem Projekt bewegt hat. „Einen Ort von purer Schönheit für die Menschen, um Ihrem stressigen Alltag zu entfliehen“. – heißt es und ich denke mir: „Genau das brauche ich nach einem Jahr im Großstadt Dschungel von São Paulo.“

Bevor ich meine Recherche beenden kann, erreichen wir bereits die Tore von Inhotim. Die Besucher kommen scheinbar aus allen Gesellschaftsschichten und Regionen Brasiliens. Vom einfachen Dorfbewohner auf seiner Honda, bis zum Polo Hemd tragenden Großstädter im VW Jetta ist alles vertreten und die bunte Menge bewegt sich, mit Kind und Kegel, in Richtung Eingang.

Der Eintritt ist an diesem Tag frei und es ist dementsprechend voll. Bis zu 7000 Menschen drängen sich an diesem Tag durch den Eingang und verteilen sich anschließend über das gigantische Gelände. Wir studieren kurz die Karte, beschließen aber dann uns einfach treiben zu lassen.

Wir erreichen einen See, dessen grünlich-blaues Wasser aussieht, als wäre es mit Spülmittel vermischt. Der Rasen ist getrimmt wie auf einem Golfplatz und wir sind umrundet von exotischen Pflanzen und Palmen. Durch eine Wand von Busch sehe ich ein Paar gelbe Lampions und erkenne, das sich hier ein Restaurant befindet. Nach den ersten Eindrücken bin erst einmal baff.

Wir passieren die ersten Kunstwerke, darunter Hélio Oiticica’s „Magic Squares“.
Die Installation wirkt mit seinen Farben wie ein dreidimensionales „De Stiil“ Gemälde und passt sich wunderbar ein in die Natur.

Wir umrunden den See und erreichen einen grauen Betonkomplex. In kleinen Teichen schwimmen hier silberne Kugeln, die das grelle Sonnenlicht spiegeln. Es handelt sich dabei um Yayoi Kusamas „Narzissmus Garten“. Die Künstlerin aus Tokio war in den 60 Jahren von einer Biennale in Venedig verbannt worden, weil Sie diese Kugeln in einer Protestaktion für je 2$ das Stück an die Besucher verkauft hatte.

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In sengender Hitze laufen wir einen Hügel hinauf und setzen uns erschöpft auf einen Rasen. Der Ausblick über das Areal gibt einem eine ungefähre Vorstellung über die Größe des Parks.
Eine Gruppe von Kindern erfreut sich an Ólafur Elíasson „Viewing Machine“, eine Art Kaleidoskop, welches die Umgebung zu einem abstrakten Kunstwerk spiegelt.

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Wir passieren mehrere Pavillons von verschiedenen Künstlern und Stilrichtungen. Das Spektrum der Arbeiten reicht dabei von Gemälden und Skulpturen bis hin zu Installationen mit Video und Ton.
Auf Inhotims höchsten Punkt steht ein besonders beeindruckendes Werk des amerikanischen Künstlers Chris Burden. Es besteht aus riesigen Stahlträgern, die von dem Künstler aus einer Höhe von 45 Metern in ein Betonbecken geschmissen wurden. Der Künstler ist bekannt für seine Arbeiten, in denen die Grenzen von Materialien testet.

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Wir finden Schatten unter einem kleinen Baum und studieren die Karte. Der halbe Tag ist bereits um und wir realisieren, dass wir gerade einmal 20 % des gigantischen Parks gesehen haben. Hunger und Durst machen sich bemerkbar und wir gehen weiter zum nächsten Pavillon. Die Menschen relaxen auf den zahlreichen Grünflächen und den Bänken, welche aus riesigen tropischen Baumstämmen gefertigt sind. Durch die Baumkronen zischen ein paar Affen hin und her, in der Hoffnung etwas aus den Tupperdosen der Besucher abzubekommen.

Als Nächstes besichtigen wir den Pavillon der brasilianischen Künstlerin Adriana Varejão. Der Betonklotz ist in einen grünen Hügel herein gebaut und wirkt wie von einem anderen Planeten. Die Künstlerin ist eine der Ex-Frauen des Milliardärs und scheint eine besondere Rolle in seinem Projekt von „Inhotim“ zu spielen. Ihre Arbeiten beschäftigen sich mit der brasilianischen Kolonialgeschichte und Sie verwendet dabei traditionelle portugiesische Keramik. Ihre Wand aus Fleisch namens „Linda do Rosário (2004)“ behandelt dabei, auf verstörende und beeindruckende Weise, einen Hoteleinsturz in Rio de Janeiro.

 

 

Beim Verlassen des Pavillons passieren wir Pflanzen, die man sich als Europäer überhaupt nicht vorstellen kann. Ich stehe rund 5 Minuten wie gebannt vor einer exotischen Rose, die so groß ist wie ein Tennisball. Die Botanik in Inhotim bietet eine atemberaubende Vielfalt an Pflanzen und ist mindestens genauso beeindruckend wie die ausgestellte Kunst und Architektur.

Es ist bereits später Nachmittag und wir versuchen verzweifelt einen Tisch in einem der Restaurants zu bekommen. Die Besucher Schlängeln sich bereits vor den Imbissbuden und eine überwältigte Angestellte des Parks erzählt uns das die Besucherzahlen an diesem Tag explodieren. Wir beschließen uns also auf den Rückweg nach Belo Horizonte zu machen, um dort den Rest des Abends zu verbringen. An einem Tag haben wir ungefähr 40–50 % des Parks geschafft, doch der Hunger und die Müdigkeit haben uns zum Aufgeben gezwungen.

Auf der Rückfahrt habe ich eine Weile nachgedacht über die Worte von Bernardo Paz und seiner Idee von der „Schönheit die einen verändert“. Inhotim ist ein Ort, an dem die Kritik der Künstler verschmilzt mit der Unfassbarkeit unserer Natur. Im Anblick der Schönheit unseres Planeten versteht man, warum die gerade erlebten Kunstwerke so wichtig sind. Man fühlt sich, als würde man unsere Zivilisation von einem anderen Planeten aus betrachten und die Zerstörungswut der Menschheit wird einem auf eindrucksvolle Weise ins Gewissen gerufen.

Trotzdem der Schöpfer des Parks ist nicht unumstritten. Aufgrund Fällen von Korruption stehen Magnaten wie er oft in der Kritik und einige Brasilianer glauben bei dem Park handelt es sich um eine Geldwäsche. In seinen Interviews und Vorträgen spricht er oft ziemlich nüchtern von dieser Geschäftswelt und es scheint so, als wolle er mit all dem nichts mehr zu tun haben.
Was immer die wirkliche Motivation hinter Inhotim ist, die Umsetzung seiner Vision ist dem Kette rauchenden Milliardär definitiv gelungen.

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Ich kann einen Trip nach Inhotim für jeden Brasilien Besucher nur empfehlen. Es sollten jedoch mindestens zwei Tage eingeplant werden, da das Gelände, wie beschrieben, riesig ist. Mit ordentlicher Verpflegung spart man sich den Restaurantbesuch und kann das Gelände unbesorgt erkunden. Der Park ist nicht nur für Kunstenthusiasten ein unvergessliches Erlebnis! Ich plane definitiv, bei einem zweiten Besuch, auch noch den Rest des Parks zu erkunden.

PS: Der Trip lässt sich außerdem wunderbar mit einem Besuch der Großstadt Belo Horizonte verbinden. Der Staat Minas bietet einige interessante Orte wie „Ouro Preto“, „Tiradentes“ oder „Lavras Novas“, welche bei Brasilianern äußerst interessante Tourismusziele sind.

Für mehr Infos:
http://www.inhotim.org.br/

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