„Imagine peace“ in São Paulo

Zu Besuch bei Yoko Onos Ausstellung „The sky is still blue, you know…“ in São Paulo.

Nachdem mein Kumpel Laurenz und ich unsere letzten Wochenenden hauptsächlich damit verbracht haben uns in billigen Sertanejo Läden zu besaufen, kamen wir beide zu dem Schluss, dass es so nicht weitergehen kann. Wir verspürten beide eine gewisse Eintönigkeit in unserem Alltag und beschlossen daher für die kommenden Wochenenden ein „Kulturprogramm einzuführen. Egal ob Museum, Flohmarkt, Straßenfest, ab sofort wollten wir uns jeden Samstag oder Sonntagmittag treffen, um das umfangreiche Kulturangebot von São Paulo zu erkunden.

In einer freien Minute auf der Arbeit habe ich mich also auf die Suche nach einem entsprechenden Event gemacht und geschaut was meine brasilianischen Freunde so auf Facebook teilen. In São Paulo läuft alles über Facebook und ich klicke in der Regel bei allem auf „interessiert“, um ja nichts zu verpassen. Ich scrolle gar nicht lange vor mich hin, da stoße ich auch schon auf etwas Interessantes: Yoko Ono im Instituto Tomie Ohtake! „Geil!“, denke ich mir und verabrede mich spontan mit Laurenz zur Eröffnung der Ausstellung.

 

Das Instituto Tomie Ohtake befindet sich etwa 15 Minuten Fußweg von meiner Wohnung entfernt, in einem Hochhaus das von Ruy Ohtake, dem Sohn der berühmten brasilianischen Künstlerin, entworfen wurde. Der Turm ist mit seiner rosa verspiegelten Fassade kaum zu verfehlen und wirkt fast wie eine Parodie der zahlreichen Business Tower die hier, scheinbar in Windeseile, überall hochgezogen wurden. Es hat eine Weile gedauert mich mit der sonderbaren Architektur anzufreunden, doch mittlerweile ist der rosa-blaue Turm einer meiner Lieblingsgebäude der Stadt.

Das Institut ist ein ziemlich beliebter Ausstellungsort und zu meiner Erleichterung war es am Eröffnungstag recht leer. Ich erkenne Laurenz schon von weitem auf dem Vorplatz, welcher mal wieder um ein Foto gebeten wurde. Mit seinen roten Haaren ist Laurenz die absolute Sensation in Brasilien und wird ständig von irgendwelchen Leuten angesprochen. Laurenz stammt wie ich aus Köln und wir haben uns auf einem Karnevalsumzug in Downtown kennengelernt. Er hatte dort am DJ Pult das Kölner Wappen gehisst und vor einer ziemlich ratlosen Menge ein Humba, Humba tätäräää angestimmt. Typisch Kölner halt…

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Kaum sind wir eingetreten in Yoko Onos Ausstellung, da gibt es auch schon die erste emotionale Herausforderung. Mit Ihrem ersten Werk fordert sie den Betrachter dazu auf Steine auf einem Haufen zu stapeln, für die Momente in denen man sich traurig oder glücklich gefühlt hat. Wir sind beide erstmal ein wenig verdutzt und müssen eine Sekunde grübeln bevor wir anfangen zu stapeln. Während ich die Steine hinlege, bin ich überrascht darüber, wie selten ich mir diese Frage stelle…

Der Ausstellungsbereich ist relativ überschaubar und wir schlendern langsam durch den Saal. Die Atmosphäre ist sehr gelassen und die Besucher plaudern aufgeregt, während sie sich mit Onos Arbeiten beschäftigen. Auf einem Tisch am Ende des Saals liegen haufenweise Porzellansplitter, welche die Besucher zu ganzen Teilen zusammenflicken sollen. „…to fix the universe“ heißt es in der Beschreibung daneben und die Leute stehen fleißig bastelnd herum, fast wie eine Grundschulklasse auf einem Museumsausflug.

Yoko Ono lässt die Besucher an Ihren Werken teilhaben und trifft mit ihren Mini-Experimenten jedes Mal einen bestimmten Nerv, der einen zum Grübeln bringt. Was wünsche ich mir? Was beschäftigt mich? Was stört mich? Yoko Ono fordert mit einfachen Ideen dazu auf das Leben einmal objektiv zu betrachten.

Wir erreichen einen Baum inmitten des Saals, der behangen ist mit Zetteln, auf denen die Besucher Ihren größten Wunsch äußern sollen. Ich lese ein Paar der Wünsche durch und muss wieder einen Moment nachdenken. Vielleicht Reichtum? Glück? Gesundheit? Ich frage Laurenz was er sich denn so wünscht… „1. FC Köln Deutscher Meister!“, erwidert er und ich kriege mich fast nicht mehr ein vor Lachen.

 

Was sich im ersten Teil noch auf das Leben des Einzelnen beschränkt, bezieht sich im zweiten Teil auf unsere Gesellschaft bzw. unsere gesamte Zivilisation. Mit ebenfalls interaktiven Ideen kritisiert Yoko Ono hier den Krieg und die Gewalt in der Welt und lässt den Besucher  an Ihrem Aktivismus teilhaben.

Ein Beispiel ist eine Weltkarte auf der man den Spruch Imagine Peace stempeln kann. Der Mittlere Osten ist auf der Karte unter den vielen Markierungen kaum noch zu erkennen und auch in Brasilien sind die, von Gewalt geplagten, Großstädte bedeckt von Stempeln. 
Ein besonders ergreifendes Werk widmet sich der Gewalt gegen Frauen. Die Arbeit besteht aus Berichten von Opfern sexueller Gewalt, die aneinandergereiht an der Wand hängen. Die Texte der anonymen Opfer geben Einblicke in ein Thema, das in vielen Gesellschaften immer noch totgeschwiegen wird und machen einen fassungslos.

Beeindruckt machen wir uns in Richtung Ausgang der Ausstellung und passieren dabei eine Wand, auf der die Besucher eine Erinnerung an Ihre Mutter kleben sollen. Ich stehe eine Weile herum und lese mir die vielen Nachrichten durch. 
Wie üblich handelt es sich um dankbare Texte wie „Beste Mutter der Welt!!“ oder „Meine beste Freundin!“.
 Inmitten der vielen positiven Nachrichten lese ich jedoch eine weniger erfreuliche Nachricht. Homofobica“ steht in Fettschrift auf dem Zettel und bringt einen zum Nachdenken, über die immer noch schwierige Rolle von Homosexuellen in der brasilianischen Gesellschaft.

 

Nachdenklich verlasse ich mit Laurenz den Saal und wir machen uns mit frisch kultiviertem Gewissen auf in Richtung Bar. Die Ausstellung hat uns beiden sehr gut gefallen und ist definitiv sehenswert. Egal ob Kunstfan oder nicht, sie zieht den Besucher schnell in Ihren Bann. Mit Ihren leicht eingängigen und interaktiven Arbeiten vermittelt Yoko Ono interessante gesellschaftliche Inhalte, ohne Ihre Besucher dabei zu langweilen oder zu überfordern.

In São Paulo ist die Ausstellung noch bis Ende Mai zu besuchen und wer in Zukunft die Chance hat, sollte sich die Chance nicht entgehen lassen!

 

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